Als der Krieg in der Ukraine begann und der Westen der russischen Wirtschaft harte Sanktionen auferlegte, lag dieser Strategie unter anderem der Gedanke zugrunde, dass die russischen Eliten ihr Geld und ihre westliche Lebensweise nicht aufgeben und sich gegen Putin erheben würden. Das geschah nicht. Mehr noch: Viele vermeintlich liberale russische Beamte wurden zum Rückgrat des Kriegsrusslands, hielten die Wirtschaft am Laufen und akzeptierten die neuen Spielregeln. Niemand erhob die Stimme. Nur sehr wenige kündigten und verließen das Land. Wie konnte das geschehen?
Auf der Grundlage Dutzender offener Gespräche mit hochrangigen russischen Beamten und den reichsten Geschäftsleuten, die über die vergangenen zehn Jahre geführt wurden, beschreibt Alexandra Prokopenkos Buch eingehend die Entwicklung des moralischen Denkens der russischen Elite und versucht, ihm einen Sinn abzugewinnen. Während die Oberschicht verschiedene Stadien innerer Verwandlung durchlief, verschob sie allmählich die Grenzen des moralisch Akzeptablen und passte ihr Verhalten den Erwartungen ihrer Vorgesetzten an. Zwar behielt die Elite formal die Attribute der Macht, doch verlor sie ihre Handlungsfähigkeit und wurde im Grunde zu einem bloßen Instrument der Regierung, nicht zu einem Akteur. Das Buch stellt diesen Prozess akribisch dar, bietet ausführliche Rückblenden in die interne Geschichte des Putin-Regimes, zeigt die Verwandlung aus persönlichen Perspektiven und analysiert sie soziologisch.
Das Buch umspannt drei turbulente Kriegsjahre und zeigt, wie die russische Oberschicht gelernt hat, unter neuen Umständen zu arbeiten, zu leben und zu denken. Prokopenko konzentriert sich auf bestimmte entscheidende Ereignisse – die Einführung westlicher Sanktionen, Putins Ausrufung der Mobilmachung, die Annexion vier ukrainischer Regionen oder Jewgeni Prigoschins gescheiterten Militärputsch – und zeigt, wie ihre Gesprächspartner, die „Technokraten“, der „engste Kreis Putins“, die „Falken“, sie verarbeiteten. Die jüngsten Ereignisse zeigen, dass diese Menschen wohl bleiben und weiterhin die Weltpolitik beeinflussen werden; deshalb ist es notwendig zu verstehen, wie sie denken und handeln.
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Alexandra Prokopenko weiß aus erster Hand, wie die russischen Beamten und Eliten denken. Von 2008 bis 2017 arbeitete sie als Reporterin des sogenannten Kreml-Pools, berichtete über die Arbeit der russischen Präsidenten Dmitri Medwedew und Wladimir Putin, begleitete deren offizielle Besuche und hatte Zugang zu nichtöffentlichen Treffen und Veranstaltungen. Als Forscherin mit einem Soziologie-Abschluss des gemeinsamen Programms der Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (Schaninka) und der University of Manchester arbeitete sie nach ihrer Zeit im Pool als Beraterin eines hochrangigen Funktionärs der Higher School of Economics und der Russischen Zentralbank.
All dies fand ein abruptes Ende, als Russland in die Ukraine einmarschierte. Prokopenko gab ihre Stelle und das Land auf und stellte sich öffentlich gegen den Krieg. Heute arbeitet sie als Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center, wo sie die russische Wirtschaftspolitik und das Verhalten der Eliten analysiert. Dieses Buch ist das Ergebnis von Prokopenkos gelebter Erfahrung und rigoroser fachlicher Forschung.

