Im März 2019 verkündete Alexander Gabyschew, ein 51-jähriger Jakute, er werde mehr als 8000 Kilometer zu Fuß marschieren und Moskau erreichen. Gabyschew nannte sich selbst einen Schamanen – also einen Menschen, der nach dem in Jakutien und anderen sibirischen Regionen noch immer verbreiteten Glauben mit der Geisterwelt kommunizieren kann. Während sich Schamanen üblicherweise aus der Politik heraushalten, war Gabyschews Vorhaben offen als Protest angelegt: Der Zweck seines Marsches war es, den „Dämon“ – also Wladimir Putin – aus dem Kreml „auszutreiben“.
Für Russland, wo zu jener Zeit die Oppositionspolitik fast vollständig unterdrückt war, war Gabyschews Marsch ein so außergewöhnliches Ereignis, dass die föderalen Medien bald darüber berichteten, als sei die Bedrohung für den Präsidenten real. Unterdessen gewann der Schamane Anhänger. Bald zog er mit einer ganzen Gruppe von Menschen die Straße entlang, von ehemaligen Sträflingen und Fabrikarbeitern bis zu Hippies und neugierigen Bloggern: Gemeinsam bildeten sie eine Art Gruppenporträt des russischen Volksprotests. Unterwegs trafen sie Dorfälteste und Lastwagenfahrer, Polizisten und Verrückte, Priester und andere Schamanen, stritten über Russlands Schicksal und zogen weiter nach Westen, bis die Behörden sie stoppten. Gabyschew wurde gewaltsam nach Jakutsk zurückgebracht, wo er seinen Widerstand fortsetzte.
Warum erregte Gabyschews Marsch solche Aufmerksamkeit? Besaß er tatsächlich besondere Kräfte? Aus welchen Traditionen erwuchs dieses Vorhaben, und wie verhält es sich zu der Rolle, die der Schamanismus im Leben der heutigen Jakuten spielt? Wie fügt sich der Marsch des Schamanen in die Traditionen des jakutischen Widerstands gegen Moskau und in den Kontext des russischen Basisprotests ein? In seinem Buch erzählt der Historiker Mikhail Bashkirov, der 2019 mehrere Monate an der Seite des Schamanen und seiner Gruppe verbrachte und das Geschehen aus nächster Nähe beobachtete, Gabyschews bemerkenswerte Geschichte und betrachtet durch sie das größere Russland jenseits Moskaus, die Menschen darin und die Methoden, mit denen der moderne russische Staat all jene unterdrückt, die sich ihm zu widersetzen versuchen.
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Als Sozialanthropologe und Dokumentarfilmer hat Mikhail Bashkirov viele Jahre damit verbracht, die ursprüngliche Kultur der sibirischen Völker zu erforschen und Aufsätze über ihre Traditionen zu schreiben. 2019, nachdem er von Alexander Gabyschew erfahren hatte, begannen Bashkirov und seine Frau, die Filmemacherin Beata Bubenets, einen Dokumentarfilm über ihn zu drehen. Sie erhielten Zugang zur Expedition des Schamanen, lernten Gabyschew und seine Begleiter persönlich kennen und wurden Zeugen vieler Ereignisse, die er im Buch beschreibt. Bis heute hält Bashkirov Kontakt zu dem Schamanen, der per Gerichtsbeschluss zur Zwangsbehandlung in eine der fernöstlichen staatlichen Kliniken eingewiesen wurde. Bashkirov selbst verließ Russland nach Beginn der groß angelegten Invasion der Ukraine. Derzeit setzt er seine Studien in Frankreich fort.

